Din wa Daula?

Antakya
 

Gemessen am Nahen Osten fällt Hatay in Bezug auf Religionen aus der Reihe. Heißt es doch im islamisch dominierten Raum: "Al-Islam hua din wa daula" (Der Islam ist Staat und Religion gleichermaßen), kann man dennoch in Hatay keine Staatsreligion festmachen. Sicherlich könnte man jetzt das (rückläufig-) laizistische System der Türkei dafür verantwortlich machen, aber Hatay hat noch mehr: Nicht nur verschiedene islamische Spaltungen leben nebeneinander, sondern Christen, Juden, Sunniten und sogar ausgefallenere Religionen wie die Bahaii finden dort ihren Platz.

Nusairier:

In Antakya lebt u.a. eine Minderheit des muslimischen Glaubens die arabische Alawiten oder
Nusairier, nach dem Ahnherrn Muhammad ibn Nusair an-Namiri al-Fahri, genannt werden (nicht zu verwechseln mit den Aleviten). Zum ersten mal an Bedeutung und Aufmerksamkeit bekam diese schiitische Spaltung 1963 in Syrien als Hafiz al-Asad mit Hilfe der Bath-Partei an die Macht gelang, und der Posten des Präsidenten noch heute von seinem Sohn Bashar al-Asad besetzt wird.
Da Hatay ein Überrest des Jabal al-Alawiyun (Berg der Alawiten) ist, überrascht die Existenz in Hatay nicht.

Die Nusairier werden, wie bei religiösen Spaltungen üblich, oft mißverstanden und -interpretiert. Daher wird hier an dieser Stelle auf eine genaue Charakterisierung verzichtet. Wer mehr über die Nusairier wissen möchte und die türkische Sprache beherrscht, kann ein paar oberfläche Informationen und Eigendarstellungen lesen unter www.nusayri.com.

Um die Komplexität im Detail zu erfassen, sollte aber vom Internet als Quelle abgesehen weden. Dazu eignet sich nur wissenschaftliche Literatur, als Einstieg zu empfehlen ist hier:
Halm, Heinz: Die islamische Gnosis - die extreme Schi'a und die Alawiten" Zürich, München, 1982, wer darüber hinaus noch den mystischen Aspekt erfassen möchte, kann auf einen Artikel von Heinz Halm, Das Buch der Schatten, Die Mufaddal-Tradition der Ghulat und die Ursprünge des Nusairiertums" aus "Der Islam Bd. 55, Heft 2, Tübingen, 1978, zurückgreifen.
Aktueller ist ein Buch von Bar-Asher, The Nusayri-Alawi Religion: An Enquiry Into Its Theology and Liturgy, Leiden Boston, Köln, 2002.

Alle genannte Literatur beleuchtet nur den religiösen - nicht aber den gesellschaftlichen Aspekt.
Aktuell wird aber an einer umfassenden Dissertation zu diesem Thema gearbeitet, dieses Werk wird sowohl den religösen, gesellschaftlichen sowie mystischen Aspekt ausführlich beschreiben und in Zusammenhang setzen. Sobald es verfügbar wird, wird auf dieser Seite darauf verwiesen werden!
Neu: Jetzt das neue Buch Die 'Gemeinschaft des Hauses': Religion, Heiratsstrategien und transnationale Identität türkischer Alawi-/Nusairi-Migranten in Deutschland von Laila Prager vorbestellen!!

Für einen Austausch bzw. allgemeine Informationen stehe ich für Interessierte gern zur Verfügung.  Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spam-Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können
 

Christen:

Antiochia ist eine der wichtigsten christlichen Städte der Welt, in Antakya kann
man sich also auf die Spuren des Ur-Christentums machen.

Anfang der 40er Jahre wurden die Anhänger Jesu in Antiochia zum ersten Mal „Christen“ genannt:
Und als er ihn fand, brachte er ihn nach Antiochia. Und sie blieben ein ganzes Jahr bei der Gemeinde und lehrten viele. In Antiochia wurden die Jünger zuerst Christen genannt.“ (Bibel, Apost.11,26) 

Das Wort wurde scheinbar von den römischen Autoritäten in der Stadt erfunden als sie der Meinung waren, dass diese Gruppe oder Sekte eine offizielle Bezeichnung benötigt, um sich vom Judentum abzugrenzen. Eine solche Abgrenzung war wohl notwendig in einer Stadt wie Antiochia, in welcher alle Ausprägungen jeglicher, religiöser Richtungen vorzufinden war. Woher das Wort „Christ“ nun stammt ist nicht klar ersichtlich, es gibt verschiedene Theorien die von einer Selbstbezeichnung ausgehen (z. B. E. J. Bickerman) bis hin zu einer Theorie die das Wort „Christiani“ aus der Bezeichnung „Augustiani“ abgeleitet sehen möchte (Harold B. Mattingly).

In den Jahren 34 – 36 n. Chr. hielten St. Paulus, St. Barnabas und St. Peter auf den Strassen von Antiochia gemeinsam eine Predigt. Es ist zwar überliefert dass eine große Anzahl von Menschen konvertierte und St. Paulus und St. Barnabas viele Menschen missionierten, diese Aussage ist aber relativ und wir haben keine Angaben über ihre Basis.
Von Antiochia aus sollen auch alle Reisen der Apostel ausgearbeitet worden sein.
Noch lange nach den Aposteln standen die Bischöfe von Rom, Alexandria und Antiochia in gleichrangig hohem Ansehen, 325 nannte man die Stadt auf dem Konzil von Nicäa „Auge der Christenheit”.
Einer der frühchristlichen Bischöfe ist Ignatius von Antiochien (gest. v. 117), der in seinen „Sieben heilige Briefen” an verschiedene Gemeinden erstmals den Begriff „katholische Kirche” verwendete.
1963 wurde die St.Peters Church vom Vatikan (Papst Paul VI.) heilig gesprochen und es pilgern jährlich tausende von Christen aus aller Welt zu dieser Kirche, die der Apostel Petrus persönlich eingeweiht haben soll.
Alljährlich am 29. Juni findet hier eine Gedenkzeremonie der katholischen Kirche statt.

Aber auch in der Region um Antakya, nicht unmittelbar in der Stadt,
trifft man nicht selten auf Orte die von der Geschichte oder Sagen geprägt wurden:

Ca. 25km westlich von Antakya, direkt am Mittelmeer, liegt Samandağ. Hier findet man das 300 v. Chr. gegründete Seleucia Peria, heute Cevlik genannt. Diese Stadt war die erste Station der Missionarsreise der Heiligen Petrus und Barnabas.
Später bauten die Römer dort eines ihrer Wunderwerke, den Titus-Tunnel.
Dieser diente dem Auffangen und Weiterleiten von Regenwasser.
Noch heute erregt dieser Tunnel großes Interesse und auch, gemessen an unserer heutigen Technik, Erstaunen.

In einem zu Samandağ gehörenden Dorf "Hidirbey" steht der "Musa ağacı". Der Legende nach hat dort Moses seinen Stab in die Erde gesteckt und es wuchs ein riesengroßer Baum daraus aus dessen Mitte eine Quelle sprudelte. Genau hier haben sich nämlich Moses und Hidir (عم) getroffen.

Eine weitere von zahlreichen Sagen erzählt, dass die Apostel Paulus, Lukas und Petrus sich am Mittelmeer in Samandağ niederließen und eine Wasserquelle an dieser Stelle entstand.
Obgleich es eine christliche Sage ist, wurde genau hier ein alawitisches Ziyaret errichtet.

Im 5. Jh. n. Chr. wurde auf dem höchsten Gipfel des Berges von Samandağ das St.Simon Kloster errichtet.
Es wird erzählt, dass sich St. Simon außerhalb der Stadt in eine Zelle eingeschlossen hat und nach drei Jahren auf diesen Berg gewandert ist. Dort hat er sich an einen Felsen gekettet, und ohne aus einem
um sich gezeichneten Kreis auszutreten, 45 Tage lang gelebt. Die Bewohner glauben dass der Fels, auf dem er gekettet war, mit der Zeit immer höher wurde und zuletzt 13 m erreicht hat.
Der Aufpasser und Führer in diesem Kloster erzählte mir außerdem, dass die erste christliche Taufe genau dort vollzogen wurde, dies kann ich aber nicht belegen.
Auch das St.Simon Kloster wird regelmäßig von Interessierten aus aller Welt besucht.

U.a. soll auch Matthäus sein Evangelium in Antakya geschrieben haben und auch St. Johannes, der als Mann mit der goldenen Zunge bekannt ist, soll aus Antakya stammen,
ebenso wie der Evangelist Lukas.