Die Geschichte Antakyas

Gründung und Antike

Seleukos I. Nikator (ca. 358 – 281 v. Chr.), Gründer des Seleukidenreichs, errichtete Antiochia am 22. Mai 300 v. Chr. anstelle zweier unbedeutender, älterer griechischer Kolonien in der äußerst fruchtbaren Ebene des unteren Orontestales. Zuvor hatte sich Seleukos I. in die von seinem Feind Antigonos I. Monophthalmos (ca. 382 – 301 v. Chr.) gegründete Kolonie Antigonia begeben und zu Zeus gebetet, damit dieser ihm ein Zeichen schicken möge ob er die Stadt besetzen, umbenennen oder irgendwo anders eine Stadt gründen solle. In welcher Form das Zeichen Seleukos erreichte ist unklar, fest steht jedoch dass er die Stadt Antiochia mit Material und Menschen (5300 Einwohner) aus Antigonia in der Nähe errichten und Antigonia daraufhin zerstören ließ.

Die einschlägige Literatur geht davon aus, dass die Stadt nach Seleukos’ Vater Antiochus benannt wurde, Downey merkt aber zu recht an dass auch der Sohn Seleukos’ Antiochia hieß und der Name folglich auch auf diesen zurückgeführt werden könnte. Dennoch scheint die herrschende Meinung richtig zu liegen.
Antiochia wuchs in kurzer Zeit zur Metropole des Orients heran und wurde Zentrum für Verwaltung, Religion und Wirtschaft. Nach dem Tode Seleukos I. erlebte die Stadt durch die  Missgunst ihrer Nachbarn der Perser, Ägypter und Römer unruhige Zeiten. Die fortwährenden inneren Wirrnisse, sowie das verheerende Erdbeben im Jahr 148 v. Chr., bei dem die Stadt fast gänzlich zerstört wurde, schwächten sie aufs Äußerste.

Zur Zeit Antiochus XIII. (st. 64 v. Chr.), dem letzten König der Seleukidendynastie, eroberte Cn. Pompeius Magnus (Pompeji) (106 – 48 v. Chr.) im Jahr 64 v. Chr. das Gebiet für das Imperium Romanum. Antiochia schwang sich als Residenz Kunst liebender Herrscher und als wichtiges Handelsimperium rasch zur Hauptstadt der römischen Provinz Syria auf und wurde nach Rom, Alexandria und Ktesiphon, gemessen an der Fläche und Einwohnerzahl, die weltweit viertgrößte Stadt mit ca. 500.000 – 750.000 Einwohnern. Die ringsum von Mauern umgebene Stadt war mehr als nur ein Verwaltungszentrum, sie war der Mittelpunkt von Handel, Religion und Wissenschaft im Nahen Osten und galt als Kapitale sämtlicher asiatischer Provinzen.
Der allmähliche Niedergang Antakyas begann mit der Gründung des Sassanidenreichs (224 – 651 n. Chr.), wodurch die Euphrat- und Tigrislandschaften mehr und mehr dessen politischer und wirtschaftlicher Einflusssphäre entrückt wurden. Bereits 260 n. Chr. belagerte, eroberte und plünderte Shapur I., Sasanidenherrscher von 240 bis 272 n. Chr., die Stadt, 538 n. Chr. eroberte und zerstörte sie der persische Großkönig Husrav Anusharvan (st. 579 n. Chr.) nachdem Antiochia den Hauptzielpunkt der persischen Züge bildete. Zusätzlich zu den persischen Verwüstungen wurde die Stadt in ihrer Geschichte mehrfach von schwersten Erdbeben heimgesucht. „Man zählt in den ersten fünf christlichen Jahrhunderten nicht weniger als zehn große Erdbeben, wobei eines (im Jahre 526) 250.000 Menschen dahinraffte.“

Kaiser Justinian (482 – 565 n. Chr.) hob die von Shapur I. zerstörte Stadt wieder aus den Trümmern und stellte sie, allerdings in einem wesentlich kleineren Umfang, wieder her (Stadtkarte). Er ließ um die Stadt herum riesige Mauern mit 400 Türmen errichten und wollte sie so zu einer uneinnehmbaren Festung machen. Dennoch fiel die Stadt 638 n. Chr. in arabische Hände, wurde 944 n. Chr. von den Hamdaniden eingenommen, bevor sie am 29.10.969  von den Byzantiner zurückerobert wurde. Gelingen konnte diese Rückeroberung mit Hilfe eines verräterischen Arabers, nachdem ein schon im Frühjahre 966 […] unternommener Versuch, die Stadt schnell zu erobern, fehlgeschlagen war, ähnlich wie der Versuch der Fatimiden 971.
Nachdem nun Antiochia ein Jahrzehnt lang ein Hauptbollwerk gegen den Islam blieb, wechselte es erneut durch einen Verrat seine Herrschaft: Der letzte armenisch-byzantinische Gouverneur Philaretus Brachamius, der als Statthalter eingesetzt war, öffnete die Tore der Stadt, sodass der Seldschukensultan Sulaiman I. einmarschieren und die Stadt einnehmen konnte. Als Sulaiman I. 1086 starb, eroberte der Sultan Malikshah ganz Nordsyrien und Nordmesopotamien und integrierte sie in das seldschukische Großreich. Zum Gouverneur Antiochias wurde der Emir Yaghi Siyan ernannt.

Die Eroberung Antiochias durch die Kreuzfahrer

Ein Jahr nach dem Aufruf zum heiligen Kreuzzug am 27.11.1095 in Clermont in der Auvergne durch Papst Urban II. (ca. 1049 – 1099) , setzen sich die bewaffneten Pilger und Ritter in Bewegung um das heilige Land und Jerusalem von den Muslimen zu befreien. Der Weg nach Jerusalem führte sie über die damals immer noch große Stadt Antiochia, die nicht nur wegen ihrer Bedeutsamkeit für das Christentum und ihres fruchtbaren Bodens, sondern auch aus militärstrategischen Gründen äußerst interessant für die Kreuzfahrer war.
Verloren hat das byzantinische Reich Antiochia erst 13 Jahre nach der verheerenden Schlacht von Manzikert 1071, die die Herrschaft der Byzantiner zusammenbrechen ließ, und zwar ausgerechnet durch einen Verrat, der weder der erste in der Geschichte Antiochias war, noch der letzte bleiben sollte.

„Mit ihrer Ankunft in Antiochia im Oktober 1097 begann für die Kreuzfahrer die schwierigste Phase ihres Unternehmens.“ Für die Kreuzfahrer stellte sich die Situation nach dem Sieg in Dorylaion dramatisch dar. Sie mussten bei sengender Sommerhitze ein weithin ödes und verwüstetes Land durchqueren, in dem es nichts zu kaufen und fast nichts mehr zu plündern gab. Überall fehlte es an Wasser-, Nahrungs- und Futtermittel und zahlreiche Menschen starben entkräftet, verhungert und verdurstet.
Nach Aufteilung in zwei Gruppen, weil die kürzeren Passstrassen zu eng und für ein großes Herr nicht gangbar waren, stand das Hauptheer am 20. Oktober 1097 vor den Mauern Antiochias. Auf dem Weg nach Antiochia hatte es die Ausreißergruppe geschafft Tarsus, Adana und Mamistra den Türken zu entreißen, Tankred, der Neffe Bohemunds, schaffte es auf dem Weg nach Antiochia sogar noch Alexandretta (heute Iskenderun) in seine Gewalt zu nehmen.

In Antiochia regierte zu dieser Zeit der von Sultan Malikshah als Gouverneur eingesetzte Emir Yaghi Siyan über eine im Wesentlichen christliche Bevölkerung von Griechen und Armeniern. Das Kreuzfahrerheer verzichtete, ungeachtet der Tatsache, dass man Antiochia nicht völlig einschließen konnte, auf einen raschen Sturm der durchaus Aussicht auf Gelingen gehabt hätte. Vor allem Bohemund trat entschieden gegen eine regelrechte Belagerung ein, hoffte er doch, Antiochia für sich behalten zu können, wozu ihn Balduins Staatsgründung in Edessa (Urfa) angeregt haben mochte. 
Folglich wurde die von einer riesigen Stadtmauer, 5 Toren und einer gewaltigen Zitadelle geschützte Stadt belagert, obwohl nicht die ganze Stadt eingeschlossen werden konnte. Das St. Georgstor im Westen blieb offen, und dies erlaubte den Belagerten sowohl die Zufuhr von Nachschub wie auch Ausfälle gegen die Kreuzfahrer, denen man entscheidende Schläge aber nicht versetzen konnte.
Der Winter brachte einen empfindlichen Mangel an Lebensmitteln und dazu noch bittere Kälte. „Mittlerweile steigerte sich die Hungersnot, das niedere Volk schreckte selbst vor Kannibalismus nicht zurück.“

Zudem sahen sich die Belagerer mit zwei für sie gefährlichen Einsatzversuchen muslimischer Fürsten konfrontiert, es gelang ihnen aber trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit im Dezember 1097 ein heranziehendes Heer aus Damaskus und 1098 ein solches von Ri±wÁn von Aleppo in  Marsch gesetztes zu schlagen. Diese Siege änderten aber dennoch nichts an der fatalen Lage der Kreuzfahrer. Antiochia war weder im Sturm noch durch Belagerung zu bezwingen.
Am 2. Juni 1098 verließ Graf Stephan von Blois mit vielen seiner Leute die Belagerung in Richtung Heimat. Auf seinem Weg traf er bei Philomelion in Kleinasien auf das kaiserliche Heer unter Alexios und bewirkte mit der Behauptung, die Sache der Kreuzfahrer sei bereits verloren, dass der Kaiser von seinem Vorhaben, die Christen vor Antiochia zu entlasten, abließ, was Bohemunds Chancen auf Antiochia wesentlich stärkte. Er ergriff die Initiative und überredete, gerade als die Truppen des Emirs Kerbolas aus Mosul (st. 1102) herannahten, die Anführer des Kreuzzuges, dass er die Stadt bekommen sollte, würde seine eigene Streitmacht als erste die Stadt betrete und der Kaiser nicht eintreffen.

Die Einnahme Antiochias in der Nacht vom 2. auf den 3. Juni 1098 ging tatsächlich auf einen Plan Bohemunds zurück. Er nahm Verbindung mit einem in der Stadt lebenden armenischen Panzerschmied mit dem Namen „Firuz“ auf, der für die Verteidigung des im Westen gelegenen „Turm der zwei Schwestern“ zuständig war, und bestachen ihn mit einem großen Betrag an Geld und Land. „Als die Sache zwischen ihnen und dem verfluchten Panzerschmied abgemacht war, gingen sie zu dem Auslass, öffneten ihn und drangen ein.“ Am darauf folgenden Morgen wehte Bohemunds Banner über der Stadt – die Zitadelle konnte jedoch nicht eingenommen werden – „und die Türken in der Stadt wurden allesamt niedergemetzelt […].“ Einmal mehr in der Geschichte Antiochias wechselte die Stadt also durch einen Verrat ihre Herrschaft.

Aber schon am 5. Juni stand Kerbola mit seiner Armee vor den Toren der Stadt und die Belagerung begann am 9. Juni von neuem, diesmal aber mit umgekehrten Rollen. Die Moral des christlichen Heeres sank unter dem Einfluss des Hungers und ständiger Desertionen rapide ab. Etwas Drastisches musste geschehen, um hier Abhilfe zu schaffen. Da die Situation religiöser Ekstase und allerlei Visionen ohnehin den Boden bereitet hatte, bediente man sich eines Visionärs niederen Standes aus der Provence. Dieser Peter Bartholomaeus (st. 1099) offenbarte dem Grafen Raimund, der heilige Andreas sei ihm mehrfach erschienen und habe ihm mitgeteilt, dass in der Peterskathedrale die Lanze vergraben liege, mit der der römische Hauptmann Christus am Kreuz in die Seite gestochen habe. Am 14. Juni konnte Peter tatsächlich diese Lanze präsentieren, und obwohl nicht jeder im Lager dieses Wunder glauben wollte, hob es die Stimmung der Christen beträchtlich. „Solchermaßen göttlicher Unterstützung gewiss, machten die Kreuzfahrer am 28. Juni einen Ausfall, griffen das weit überlegene Heer Kerbolas an und schlugen es vernichtend.“
Nach der großen Schlacht war nun die Frage, was mit der Stadt gesehen sollte. Erst im Januar 1099, unter dem Druck des enttäuschten Heeres („Jerusalem oder zu Grunde gehen“) […] wurde eine Entscheidung gefällt. Diesmal konnte Bohemund endlich seine Ansprüche durchsetzen und wurde fortan Herr über das „heilige“ Antiochia.

Das Fürstentum Antiochia konnte sich bis 1268 halten, ehe es Sultan Baibars durch einen Angriff den Kreuzfahrern entreißen konnte. Die Mamluken konnten sich bis zum August 1516 halten ehe Antiochia dem Osmanreich zufiel und bis 1918 osmanisch blieb. 
Kurz nach dem 1. Weltkrieg gelangte die Stadt bis 1921 als französisches Mandatsgebiet in syrische Hände, nachdem sie erneut sichtbare Schäden durch den Krieg genommen hat.

Republic of Hatay

Im Jahr 1937 wurde Antakya befreit und wurde neben der Hauptstadt Iskenderun die grösste Stadt des Freistaates republic of Hatay.
Diese konnte sich leider nur bis 1939 halten ehe sie zu Beginn des 2. Weltkrieges von der türkischen Republik annektiert wurde. Zwar gehen verschiedene Quellen von einem "Voksentscheid" aus dem man aber sicher keine Glauben schenken darf.
Seit 1939 ist Antakya die Hauptstadt der türkischen Provinz Hatay.

Autor: M.Randa

(Auf die richtige Transkription wurden zur besseren Darstellung verzichtet.

____________
Quellen:

Davis, R. H. C: The Normans and their Myth, London, Thames and Hudson, 1976
Downey, Glanville: A history of Antioch in Syria, from Seleucus to the Arab Conquest, Princeton - New Jersey, Princeton University Press, 1961
Enzyklopaedie des Islam, Geographisches, Ethnologisches und biographisches Wörterbuch der mohammedanischen Völker, Leiden, Otto Harrassowitz, Leipzig, 1913
Gabrieli, Francesco: Die Kreuzzüge aus arabischer Sicht, München und Zürich, Artemis Verlag, 1973
Housley, Norman: Die Kreuzritter, Lizenzausgabe, Darmstadt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2004.
Jotischky, Andrew: Crusading and the Crusader States, Harlow, München u.a., Pearson Longman, 2004.
Meyer, Hans Eberhard: Geschichte der Kreuzzüge, 9. Auflage, Stuttgart, Berlin, Köln, Kohlhammer Verlag, 2000
Meyer, Hans Eberhard: Varia Antiochena, Studien zum Kreuzfahrerfüstentum Antiochia im 12. und frühen 13. Jahrhundert, Hannover, Hahnsche Buchhandlung, 1993
Tekin, Mehmet: Hatay Tarihi, Hatay Kültür Turizm ve Sanat Vakfi, Antakya, 1993
Thorau, Peter: Die Kreuzzüge, 2. Auflage, München, Beck, 2005.
Yewdale, Ralph Bailey: Bohemund I, Prince of Antioch, Amsterdam, Adolf M. Hakkert, 1970
Encyclopaedia of Islam, Leiden (Brill, Web-Edition)